Kleine Ursache, große Wirkung

  • Im Gegenteil zu manch anderem hier pflege ich mir meine Reifen erst zu ihrem Lebensende zu zerstechen. So geschehen am Samstag. Nachdem die vergangenen Wochenenden eher zum Einstellen genutzt wurden und zum beheben letzter Montagefehler sollte es Samstag nochmal richtig vorangehen. Also schnell ne Route zsammgesteckt und los ging´s.

    https://maps.google.de/maps?sa…4,5,6,7,8,9,10,11&t=m&z=9

    Um zehn mit zwei Kollegen in Starnberg gekoppelt, Sprit gefasst und gen Süden aufgebrochen. Beim Tankstop in Reutte mußte ich allerdings feststellen, daß es irgendwo zischte. Normal sind das die Pressluftanschlüsse der Reifenfüllanlage, aber irgendwie kam das Geräusch von wo anders. Und tatsächlich hatte sich der statistisch unwahrscheinliche Fall ergeben, daß eine offene Heftklammer in exakt dem richtigen Winkel auf der Straße lag und sich kerzengerade durch die schon stark reduzierte Wandung meines Hinterrad-Pneus und die Stahl-Matrix der Karkasse zu bohren. Ausgezeichnet, nach nichtmal 200km war die Tour für mich vorbei...

    Grüße, Zed


    Sarkasmus wird immer von den Richtigen falsch verstanden.

    2 Mal editiert, zuletzt von Zed ()

  • Naja, nicht ganz. Da der Reifen die Luft nur langsam verlor hatte ich mehrere Möglichkeiten.

    1. Heimfahren und auf zahlreiches Auftreten von Tankstellen hoffen, so daß immer wieder Pressluft nachgefasst werden kann.
    2. Schreiend umher laufen, dabei hektisch mit den Armen wedeln und irgendwann von einer Ohrfeige gestoppt werden.
    3. Reifenhändler aufsuchen und viel Geld ausgeben…

    Ich zog nach reiflicher Überlegung Möglichkeit 3 in Erwägung und suchte den nächstliegenden Gummidealer auf. Gerüchte böser Zungen über genetische Sackgassen, die sich über Jahrhunderte in den Tälern Tirols durch ein Rotationsprinzip in der eigenen Verwandtschaft gebildet haben tun den Menschen dort natürlich unrecht, treffen aber manchmal offenbar doch noch zu.
    So schielte mich ein naher Verwandter der Gungens-Königs aus Star-Wars mit offenem Mund durch seine Flaschenböden an und schüttelte nur träge den Kopf, was sein vorquellendes Doppelkinn über der zum bersten gespannten Latzhose wie frischen Hefeteig in der Knetmaschine aussehen ließ, als ich ihn um Hilfestellung respektive zeitnahe Reparatur des beschädigten Reifens bat. „Na, heit nimmer. Kimmst am Montag wieder.“ Sehr witzig, Fettsack. Schau ich so aus, als hätte ich Zeit?
    Während das übergewichtige Watschngsicht sich wieder ächzend in seinen Stuhl pflanzt, der jeden Moment unter ihm einzubrechen droht, und den Fall „blöder Störenfried von Motorradfahrer nervt 20 Minuten vor Ladenschluss“ scheinbar als erledigt betrachtet, rufe ich den ADAC an. Bin ja nicht um sonst Premium-Platin-Millionaires-Club-Mitglied. Nachdem ich der Dame in München schnell geschildert habe, was Phase ist klingelt auch schon keine zwei Minuten später der ÖAMTC bei mir. Was er ich denn jetzt erwarte, daß er für mich tun solle, quäkt mich der gelbe Engel an. Hilfestellung wär meine erste Antwort gewesen, aber ich überriss schnell, daß ich da konkreter werden müsse. Also bat ich ihn, mir den Reifen zu flicken, so daß ich heimkomme. Egal wie.


    „Sie stehen beim Reifenhändler?“

    „Ja.“

    „Und der kann ihnen nicht Helfen?“

    „Nein.“

    „Wieso“

    „Der macht gleich zu. Zudem glaube ich nicht, daß er meinen Reifen parat hat.“

    „Haben´s gefragt?“

    „Nein, aber ich denke, der ist schon froh, wenn er sich morgens alleine anziehen kann.“

    „Wie bitte?“

    „Egal, der hat nichts für mich und ist auch nicht sehr kooperativ.“

    „Und was soll ich jetzt machen?“

    Himmel, ist der vielleicht mit dem Reifenheini verwandt?

    „Ja weiß nicht. Abschleppen? Ersatzfahrzeug stellen? Ich muß ja irgendwie nach Hause kommen.“

    „Sie stehen doch schon beim Reifenhändler. Abschleppen darf ich sie nur bis zur nächsten Werkstatt.“

    „Ja und den Reifen Flicken? Mit Reifenpilot, oder wie des Zeug heißt? Da gibt’s doch sowas.“

    „Des derf mer net bei Motorrädern.“

    „Wie bitte?“

    „Na, des ist bei Motorradreifen nicht erlaubt.“

    „Also sie können nichts für mich tun.“

    „Richtig.“

    „Auf wiederhören.“


    Ich schaute meine zwei Begleiter leicht konsterniert an und überlegte, was der ADAC eigentlich mit den 82 Euro macht, die ich pro Jahr in den Rachen werfe. Betriebsausflug nach Budapest, zusammen mit den Jungs von der Hamburg-Mannheimer? Nach einigem doofen Rumstehen und hilflos den immer leerer werdenden Reifen Anstarren wandte ich mich nochmal an den Athleten aus der Werkstatt und fragte nach diesem ominösen Reifenpilot. Haben die natürlich nicht. Wozu auch? Ist ja ne Reifenwerkstatt. Wo man denn sowas kriegen würde wußte diese personifizierte Kernkompetenz auch nicht. Und das Motorrad auf dem Hof stehen lassen, um es die Woche darauf abzuholen? Uiii, ganz schwierig. Da übernimmt er keine Haftung, wenn was passiert. Was denn passieren solle fragte ich verwirrt, aber wollte die Antwort eigentlich gar nicht mehr wissen.
    Ich parkte das Eisen zwischen den riesigen Altreifencontainer und einem morschen Holzbau, der von Schlingpflanzen und Gestrüpp schon fast wieder renaturiert war und in absehbarer Zukunft zu Erdöl zerfällt und machte mich auf den Weg zur Tankstelle. Die zwei andern schickte ich weiter mit dem Auftrag ihr Leben zu genießen und mich zurückzulassen und meiner Frau folgende Nachricht zu bringen… genug der Dramaturgie.
    Während Bimmel und Bommel das Namlostal unter die Räder nahmen wurde ich wieder etwas klarer im Kopf und kehrte ertsmal wieder zurück zum Reifen-Händler. Wozu laufen, wenn ich auch fahren kann. Für die 2 km hat der Reifen noch genug Luft und wo ich die Honda schließlich final abstelle spielt eigentlich keine große Rolle… bei genauer Betrachtung war es eigentlich überall besser, als auf dem sogenannten Hof dieser über alle Maße kundenorientierten Firma.
    Bei der zweiten Tanke wurde ich tatsächlich fündig, was dieses sagenumwobene Produkt „Reifenpilot“ betrifft und erwarb eine Dose. Nach gründlicher Studie der Bedienungsanleitung stach mir der Satz „Nicht für Motorradreifen geeignet“ ins Auge. Aha, sagt wer? Reifen ist Reifen. Die 13€ sind mir den Versuch wert. Diesen lächerlichen Sicherheits-Kindergarten-Schullifatz mit dem mir schon der ÖAMTC-Mensch gekommen ist, basiert wie immer auf dem dümmst anzunehmenden Anwender in Kombination mit dem unglücklichsten Zufall. Also rein damit. Und siehe da, es funktionierte. Natürlich waren die Begleitumstände günstig, kleine Löcher, gleich in der Nähe des Ventils, sachgemäße Anwendung, Sonnenschein, 21°C... Das erwartete Zischen blieb aus und der Reifen hielt.
    Kurz zuvor noch fest entschlossen den Heimweg, falls möglich, anzutreten fuhr ich zuerst ins Lechtal, um am Schönauer Hof mit den andern beiden noch was zwischen die Zähne zu kriegen. Nach kurzer Überprüfung des Reifendrucks entschloss ich mich jedoch weiterzufahren und mir von einer lausigen Heftklammer nicht den wahrscheinlich schönsten Oktobertag seit Aufzeichnung des Wettergeschehens vermiesen zu lassen. A dichter Reifen is a dichter Reifen – aus.

    Da man Samstagabend dann eh nochmal in geselliger Runde beisammen saß, beschlossen wir den folgenden Tag ebenfalls noch zu nutzen. Zwar hab ich es am Vortag absichtlich nochmal am Riedbergpass und Oberjoch knallen lassen, um der Pelle den verdienten Rest zu geben und den anstehenden Austausch des Reifens auch mit meinem finanziellen Gewissen vereinbaren zu können, doch 200km sollte der Gummi eigentlich noch hergeben, auch wenn sich an einer Stelle schon die Karkasse unter der dünnen Gummihaut abzeichnete und ich diesesmal noch sprechendes Gepäck dabei hatte.


    Sonntag verlief völlig ohne Zwischenfälle, wenn man von den abermilliraden trotteligen Autofahrern absieht, die einem offenbar nach dem Leben trachten und gerne mal ihre Scheiben waschen, wenn man sich grade ranbremst oder einfach unkoordiniert und von fahrerischer Unsicherheit gezeichnet die Straßen verstopfen oder abbiegen (geblinkt wird heutzutage ja nicht mehr) oder einfach nur mal so auf freiem Geläuf anhalten, während man in ihrem Rückspiegel klebt.

    https://maps.google.de/maps?sa…,3,4,5,6,7,8,9,10&t=m&z=8

    Den Jungs von Sonax sei an dieser Stelle mal ein Lob für ein echt praktisches und hilfreiches Produkt ausgesprochen. Repariert in Sekunden, hält für Stunden (in diesem Fall etwa 700km). Zumindest so lange, bis der Reifen generell fertig ist.

    Grüße, Zed


    Sarkasmus wird immer von den Richtigen falsch verstanden.

    3 Mal editiert, zuletzt von Zed ()

  • Ach schön Hans,..
    ich hab mal wieder herzlich gelacht..
    Nächstes Jahr sollte nwir mal zusammen brennen gehen, sowohl.. als auch...

    Geiz isst gaul!!!


    Grüße BG


    Ferienwohung für Dich und Familie (bis zu 7 in 3 getrennten Schlafzimmern, unverbauter Blick auf den Hochgrat) im herrlichen Allgäu?
    Schau mal hier oder alternativ etwas kleiner hier

  • Ach schön Hans,..
    ich hab mal wieder herzlich gelacht..
    Nächstes Jahr sollte nwir mal zusammen brennen gehen, sowohl.. als auch...



    Des solltmer. Hat jetzt lang genug gedauert wieder fahrbereit zu sein. Überlege grade, was Du mit "sowohl" und "als auch" meinst ... ;)

    Grüße, Zed


    Sarkasmus wird immer von den Richtigen falsch verstanden.


  • Den Jungs von Sonax sei an dieser Stelle mal ein Lob für ein echt praktisches und hilfreiches Produkt ausgesprochen. Repariert in Sekunden, hält für Stunden (in diesem Fall etwa 700km). Zumindest so lange, bis der Reifen generell fertig ist.



    Du Mädchen...
    warum hast Du nicht die nutzlose-weil durchstochene-Gummipelle und die Karkasse runtergebrannt und bist auf dem SONAX-Schaum weitergefahren ?


    :21:

  • Geil geschrieben. :14:
    Für solche Fälle hab ich mir das hier unter die Sitzbank gelegt.
    Dazu noch eine Handpumpe und der Reifenpannenteufel kann mich mal. :D

    "The speed was ok, but the corner was too tight"


    Trackdays 2017:
    25.-26.5. Gross-Dölln mit MotoMonster
    03.-04.8. Gross-Dölln mit MotoMonster
    27.-28.9. Mettet mit Panther Racing

  • Taugt des was?


    Also bei einem Spezl von mir hat der ÖAMTC damit seinen Reifen zumindest
    wieder soweit hinbekommen das er nach Hause gekommen ist.
    Dauerlösung ist das aber keine.
    Pannenspray hat damals nicht geholfen (war Nagel oder Schraube).
    Da ist nur das Dichtmittel fröhlich aus dem Loch gespritzt.
    Wie übrigens auch neulich bei meinem Rollerreifen.
    War aber auch eine Glasscherbe.
    Da nützt einfach das beste Pannenspray nix.
    Ich glaube aber mit der Ahle und der Gummiwurst ist man noch am
    besten bedient.


    Michael

    Du siehst so aus, als ob ich noch ein Bier bräuchte.

  • Die haben dir net geholfen, weil du schon an einer richtigen Stelle warst, die dir "hätte" helfen können. Wärst 2 Km weiter gefahren in die Pampa, dann hätte einer kommen müssen.
    Schön geschrieben und mein Reifen hat mir einer vom ADAC auch schon geflickt.

  • Hey, gut geschrieben Zed. Du hast aber auch ab und an Pech Junge...


    Was soll der Quatsch mit der nächsten Werkstatt?


    [B]Pannen- oder Unfallhilfe[/B]


    Zusätzlich zur Unterstützung im Inland erhalten Sie auch Kostenerstattung für Hilfeleistungen durch unsere ausländischen Partnerclubs. Wir übernehmen die Kosten für Pannen- und Unfallhilfe an Ort und Stelle bis zu 200 EUR.



    Die haben dich abzuschleppen bis 200€ voll sind. Egal wo hin. Für 200€ sollte ein anderer Reifenhändler schon drin sein.



    Ich hatte in den letzten Monaten so viel Ärger mit Versicherungen, KTM und dem ganzen Sauhaufen. Wenn ich das lese könnte ich die Jungs alle mal kräftig... schütteln, schütteln bis ein gescheiter Gedanke aus denen raus fällt. Die Österreicher waren doch gar nicht im Ostblock, wieso herrscht da Sozialismus?



    Ruf beim ADAC an und sag die wollten dich nicht abschleppen und du willst den Jahresbeitrag erlassen haben.

  • Habe so einen Reifen -Pilot immer unter der Sitzbank (gibts extra für "kleinere Reifen").
    Wegen der bei uns während der Hopfenernte massenhaft rumliegenden "Hopfenspikes"
    Hohe Geschwindigkeiten würde ich mich damit nicht damit fahren trauen,aber
    Hoam kimmst oiwei.
    Gruß TOM !!!

    Ein Leben ohne Firestorm ist möglich aber sinnlos !!!

  • Nachdem ich Dein Missgeschick gelesen hatte haben sich meine Gesichtsmuskeln endlich wieder entspannt. :D
    Fast dasselbe hatte ich vor zwei Jahren in Südtirol erlebt, nur war der Reifenhändler in Brunek sehr hilfsbereit, aber einen Reifenpilot bekam ich nicht bei ihm sondern erst an der dritten aufgesuchten Tankstelle.

    -------------------------------------------
    Jahre runzeln die Haut, den Enthusiasmus aufgeben runzelt die Seele.

    Albert Schweitzer